Selbstständigkeit und Führungsverantwortung: Ein Plädoyer für die Juniorprofessur

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Forschung & Lehre 5/2019 erschienen.

Die Juniorprofessur wurde 2002 eingeführt, um einen weiteren Qualifikationsweg zur Lebenszeitprofessur zu schaffen. Was hat sich an diesem Karrieremodell bewährt, was könnte sich nachteilig für Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler auswirken? Die Autoren vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft Juniorprofessur berichten.

Wer nach der Promotion eine Karriere als Hochschullehrerin oder Hochschullehrer anstrebt, muss zunächst unter Beweis stellen, ein Fach in Forschung und Lehre in vollem Umfang eigenständig vertreten zu können. Die Habilitation hat dafür lange Zeit als wesentlicher Nachweis gedient. Aufgrund ihrer strukturellen Ausgestaltung erhalten die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf diesem Qualifikationsweg ein belastbares Zwischenfeedback über ihren Fortschritt auf dem Weg zur Berufbarkeit jedoch erst relativ spät. Habilitandinnen und Habilitanden sind zumeist direkt in einzelnen Arbeitsgruppen verankert und durchlaufen bei ihrer Einstellung typischerweise keinen kompetitiven Auswahlprozess, in dem ein positives Abschneiden als Erfolgsfeedback zur eigenen wissenschaftlichen Leistung gewertet werden könnte. Die Zeit der Habilitation selbst ist von widersprüchlichen Interessen geprägt: Die Arbeitsgruppenleitung mag einerseits am beruflichen Fortkommen der Habilitandin oder des Habilitanden interessiert sein, sodass es natürlich erscheint, mit ihm oder ihr regelmäßig den Fortschritt zu diskutieren und Karriereschritte zu planen. Andererseits stellen Habilitierende auch eine wichtige Unterstützung in der Lehre für den jeweiligen Mentor oder die Mentorin dar. Dementsprechend kann die Frage, wie direkt eingeschränkte Erfolgsaussichten für das Erreichen einer Lebenszeitprofessur mit Habilitierenden thematisiert werden sollen, für den Mentor oder die Mentorin zu einem Interessenkonflikt und somit für manche Habilitierende zu einer unrealistischen Einschätzung der Karrierechancen führen. Zudem ist die unabhängige Leitung einer Arbeitsgruppe zum Zeitpunkt der Habilitation meist nicht gegeben, was wiederum im Wettbewerb um Professuren ein deutlicher Nachteil sein kann, weil sich keine Führungserfahrung dokumentieren lässt. Ob es gelingt, eine Professur zu erreichen, entscheidet sich erst sehr spät.

Einführung der Juniorprofessur

Der in Deutschland noch relativ junge Qualifikationsweg der Juniorprofessur, der 2002 unter der damals zuständigen Bundesministerin Edelgard Bulmahn eingeführt wurde, wirkt dem entgegen. Er ermöglicht dem wissenschaftlichen Nachwuchs bereits in einer frühen Karrierephase unabhängige Forschung und Lehre bei eigener Personalverantwortung, um so die Hochschulkarriere attraktiver zu gestalten und an internationale Standards anzupassen. In der Regel sind auf diesem neuen Karriereweg vier Hürden zu meistern: eine herausragende Promotion, die Berufung auf die Juniorprofessur, die Zwischenevaluation und die erfolgreiche Bewerbung auf eine Lebenszeitprofessur bzw. die Tenure-Evaluation für Juniorprofessuren mit Verstetigungsoption. Es werden somit bereits bei der Einstellung nur Kandidatinnen und Kandidaten durch eine unabhängige Kommission ausgewählt, die sich in ihrem Fach durch besondere wissenschaftliche Leistungen hervorgetan haben, was den erfolgreichen und auch den nicht erfolgreichen Kandidatinnen und Kandidaten schon früher ein erstes belastbares Feedback zu ihrer Forschungsleistung und dem ihnen attestierten Potenzial gibt. Belegt wird dies durch den hohen Anteil der ehemaligen Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren, die inzwischen auf Lebenszeitprofessuren berufen wurden.

Kritik

Die frühe Unabhängigkeit der Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren hat jedoch auch zu Kritik geführt. Diese betrifft zum einen die Befähigung, ein Fach bereits kurz nach der Promotion in der Lehre zu vertreten. Weiterhin erfordert die Konzeption von langjährigen Forschungsprojekten und die umfangreiche Einwerbung von Drittmitteln einen Erfahrungsumfang, der in dieser frühen Karrierephase nicht vorausgesetzt werden kann. Wir können die genannte Kritik durchaus nachvollziehen, halten es aber für fraglich, ob die klassische Habilitation der ideale Qualifizierungsweg ist, die erforderlichen Erfahrungen zu erlangen. Vielmehr sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass auch die Juniorprofessur eine Qualifikationsphase in der wissenschaftlichen Karriere darstellt. Da die mit ihr verbundenen Aufgaben anders als bei der Habilitation in vielen Aspekten mit denen anderer Professorinnen und Professoren vergleichbar sind, ermöglicht es eine adäquat ausgestaltete Juniorprofessur unserer Einschätzung nach deutlich verlässlicher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur Berufungsfähigkeit auf eine Lebenszeitprofessur zu führen. Wichtige Aspekte der Ausgestaltung sind beispielsweise ein reduziertes Lehrdeputat, das eine intensive Vorbereitung der zu Beginn ja vollständig neu zu konzipierenden Lehrveranstaltungen trotz gleichzeitiger Forschungs- und Drittmittelaktivität ermöglicht, sowie ein durchdachtes Mentoringkonzept. Wesentlich dabei ist, dass von Beginn an die Unabhängigkeit in Lehre und Forschung gewährleistet ist, dies aber nicht als isolierte Lehre und Forschung verstanden wird. Innerhalb moderner universitärer Strukturen sind Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren in den bestehenden Lehr- und Forschungsbetrieb sehr gut integriert, sodass sie genau wie erfahrene Kolleginnen und Kollegen auch vom gegenseitigen Erfahrungsaustausch profitieren. Ein weiterer Kritikpunkt ist die insbesondere bei Juniorprofessuren ohne Verstetigungsoption aus hohen Erwartungen und begrenztem Zeithorizont resultierende hohe Arbeitsbelastung. So müssen Drittmittelprojekte bereits kurze Zeit nach Antritt der Juniorprofessur beantragt werden, da sonst der Begutachtungszeitraum dazu führen kann, dass das Projekt nicht mehr während der Laufzeit der Juniorprofessur durchgeführt werden kann; und die langen Berufungsverfahren für Lebenszeitprofessuren führen dazu, dass Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren zeitnah nach ihrer Ernennung intensiv Bewerbungen für Folgestellen ins Auge fassen müssen. Diese Problematiken treten erwartungsgemäß nicht mehr in dem Maße auf, wenn eine Verstetigungsoption im Sinne des Tenure Tracks vorgesehen ist. In diesem Karrieremodell findet zum Ende einer Juniorprofessur eine Evaluation der Leistungen in Forschung, Lehre und Selbstverwaltung statt, und im Erfolgsfall wird die Stelle in eine Lebenszeitprofessur verstetigt. Befragungen von Juniorprofessorinnen und Juniorprofessoren durch die Deutsche Gesellschaft Juniorprofessur (DGJ), die wir als Vorstand repräsentieren, konnten erwartungsgemäß aufzeigen, dass ein Tenure Track stark mit Zufriedenheitswerten mit der eigenen Lebenssituation korreliert. Die Planbarkeit der eigenen Karriere oder die damit eng verknüpfte Vereinbarkeit von Beruf und Familie scheint dementsprechend für viele Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler von großer Bedeutung zu sein. Bei Einführung der Juniorprofessur wurde nur ein relativ geringer Teil der Stellen mit einem Tenure Track ausgestattet. Dies hatte, auch bei Vorliegen sehr guter wissenschaftlicher Leistungen, bei einigen Betroffenen ein frühes Karriereende zur Folge, da nicht immer zum richtigen Zeitpunkt thematisch passende W2- oder W3-Stellen vorhanden waren, auf die sie hätten berufen werden können. Auch wenn dies letztendlich einen Großteil nicht betraf, erzeugte diese Situation dennoch in vielen Fällen starke Unsicherheit und Druck, was eine mögliche Erklärung der niedrigeren Zufriedenheit darstellt.

Tenure Track

Um dies zu vermeiden, sollte die Ausschreibung einer Juniorprofessur unserer Meinung nach immer an einen Tenure Track gekoppelt sein, wie er insbesondere an nordamerikanischen Universitäten bereits seit Langem die Regel ist. Mit dem Beschluss des Bund-Länder-Programms zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Jahr 2016, das eine Anschubförderung von 1.000 neuen Tenure-Track-Professuren bereitstellt, ist die Gemeinsame Wissenschaftskonferenz aus unserer Sicht einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung gegangen, diesen Qualifikationsweg dauerhaft an deutschen Universitäten zu etablieren. Ein Tenure Track sollte jedoch nicht bedeuten, dass die Berufung auf eine Juniorprofessur einen Automatismus der Verstetigung nach sich zieht. Ein qualitätsgesicherter Prozess der Umsetzung des Tenure Track ist zwingende Voraussetzung für eine breite Akzeptanz dieses Karrierewegs. Mittelfristig muss die Umsetzung in Deutschland allerdings einem wesentlichen strukturellen Unterschied zwischen der deutschen und der nordamerikanischen Hochschullandschaft Rechnung tragen: Während es in den USA und Kanada gelebte Praxis ist, dass an einer Spitzenuniversität negativ evaluierte Tenure-Track-Professorinnen und -Professoren ihre wissenschaftliche Karriere anschließend an einer weniger renommierten Universität fortsetzen, bedeutet in Deutschland eine negative Tenure- Evaluation in der Regel das Ende der wissenschaftlichen Karriere und ein Ausscheiden aus dem Universitätsbetrieb; unter anderem, weil die Länge von Berufungsverfahren auch ein in solchen Fällen teilweise vorgesehenes Auslaufjahr überschreitet. Um zu verhindern, dass dadurch Kandidatinnen und Kandidaten, die zwar sehr gute Leistungen in Forschung und Lehre zeigen, aber nicht vollumfänglich die hohen Erwartungen eines international führenden Fachbereichs erfüllen, gezwungen sind, den Universitätsbetrieb zu verlassen, benötigt es innovative Konzepte, wie Übergänge erleichtert werden können. Eine wichtige Rolle dabei wird die transparente Umsetzung der Tenure-Verfahren spielen. Insofern begrüßen wir ausdrücklich, dass das Bund-Länder-Programm als Wettbewerb um die besten Konzepte ausgestaltet worden ist und die Stellen nicht nach dem „Gießkannenprinzip“ an alle antragstellenden Hochschulen verteilt werden. So finden sich unter den geförderten Hochschulen der ersten Antragsrunde manche Exzellenzuniversitäten nicht wieder, dafür aber einige kleinere, in anderen großen Förderprogrammen weniger erfolgreiche Hochschulen. Verlangt wird neben einem überzeugenden Konzept für die Umsetzung auch das Bekenntnis zu einem „Kulturwandel“, also der Beschluss einer nachhaltigen und langfristigen Einführung des neuen Karrierewegs. Ein solcher Kulturwandel bedeutet keineswegs das Ende der Habilitation; die verschiedenen Karrierewege werden zunächst koexistieren, und es wird auch weiterhin ein Großteil der Lebenszeitprofessuren direkt ausgeschrieben werden, so dass sich Habilitierende wie auch Juniorprofessoren und Juniorprofessorinnen ohne Tenure Track und Nachwuchsgruppenleitungen direkt bewerben können. Vielmehr gilt es nun, die Umsetzung der Konzepte kritisch zu begleiten und so sicherzustellen, dass sie tatsächlich den Spagat zwischen erhöhter Planbarkeit der Karrierewege und hohen Erwartungen an die zu erbringenden Leistungen schaffen. Wenn dies gelingt, wird es den Wissenschaftsstandort Deutschland im Wettbewerb um die besten Forscherinnen und Forscher nachhaltig stärken. In jedem Fall war die Einführung der Juniorprofessur auf dem langen Weg in Richtung moderner Karrieremodelle in der deutschen Wissenschaft ein, wenn nicht der essenzielle Schritt hin zu früherer Selbstständigkeit von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern und besserer Planbarkeit der Karriere. Im Lichte der damaligen Strukturen war sie zudem eine sehr mutige Entscheidung, die auch, aber nicht ausschließlich, im Hinblick auf die folgenden Entwicklungen als Erfolg zu werten ist. Wir plädieren dafür, diesen Weg konsequent weiter zu beschreiten und daran zu arbeiten, wissenschaftliche Karrieren mit früher Selbstständigkeit und Führungsverantwortung flächendeckend in allen Fächerkulturen als den Regelweg auf eine Lebenszeitprofessur zu verankern.